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Nur der Kirchturm blieb übrig

Nur die Kirchturmspitze ragt noch dort aus dem Wasser, wo sich zuvor die Häuser des Südtiroler Dorfes Graun befanden. 1.000 Menschen mussten bei der Stauung des Reschensees ihre Heimat aufgeben – ohne jemals eine angemessene Entschädigung erhalten zu haben.

Kirchturm im Reschensee
Kein surrealistisches Kunstwerk: Der Turm im Reschensee (Foto: Wikipedia / Wladyslaw)

Für die Einwohner des Dorfes Graun ist die Erinnerung an die Entstehung des Staudamms am Reschensee sehr schmerzhaft. Seit Jahrzehnten wurde der Dammbau im Südtiroler Vinschgau geplant, doch kurz vor Baubeginn am 4. April 1940 erfahren die Pläne eine wichtige Änderung: Statt den Wasserpegel um 5 Meter anzuheben, werden plötzlich ganze 22 Meter geplant. Die Grauner haben keine Möglichkeit zum Widerspruch: Lediglich 14 Tage lang lässt der damalige Gemeindevorsteher die Pläne aushängen, in denen, im wahrsten Sinne des Wortes, der Untergang des Dorfes beschlossen wird. Sie sind versteckt unter zahlreichen anderen Erlässen und liegen nur in italienischer Sprache vor. Doch erst 1947, nach Ende des Zweiten Weltkrieges, nimmt der Bau Fahrt auf: Bis zu eintausend Mann arbeiten nun an dem Damm, es werden neue Eisenbahnschienen verlegt, um die riesigen Mengen an Material heran zu schaffen. Und auch an Sonntagen ruhen weder Mensch noch Maschine.

Panorama Reschensee
Der Reschensee aus der Luft (Foto: Wikipedia / Vince51)

Für die Menschen in Graun ist die Zukunft ungewiss. Die Inflation hat die ursprüngliche Entschädigungssumme lächerlich klein werden lassen. In ihrer Verzweiflung schicken sie eine Abordnung an den Papst, auf sein Drängen hin kommt ein Schiedsgericht aus 2 Graunern und 3 Italienern zusammen. Hinter verschlossenen Türen verhandeln sie über eine neue Entschädigung - doch immer wieder werden die Grauner überstimmt. Im Oktober 1949 wird die Entscheidung verkündet: Es gibt eine neue Entschädigung, doch auch sie spiegelt in keiner Weise den tatsächlichen Wert der Grundstücke wider. Den Winter über haben die Menschen in Graun noch Zeit, sich an einer anderen Stelle ein neues Zuhause einzurichten. Es sind einfache Menschen, die ihr ganzes Leben in Graun gelebt haben und sich dort ihren Lebensunterhalt Tag für Tag erarbeiteten, nun sollen sie sich komplett neu orientieren.

Reschensee im Winter
Auch im Winter ein beliebtes Fotomotiv (Foto: Flickr / tommy the pariah)

Mittlerweile ist der Bau abgeschlossen. Während die Einwohner des Dorfes noch auf die Entscheidung des Schiedsgerichts warten, beschließen die Bauherren eine Testflutung. Am 1. August 1949 ist es soweit: Die Schleusen des Damms werden geschlossen, das Wasser beginnt sich zu stauen. Es ist nur ein Test, das Wasser steigt nicht sehr hoch – aber hoch genug, um die Ernte, die Lebensgrundlage der Grauner, zu vernichten. Nun reicht es den Dorfbewohnern: Gemeinsam ziehen sie los, um die Verantwortlichen zur Rede zu stellen. Bevor sie eine Chance dazu haben, wird der Protestzug von der Polizei zerschlagen.

Für die Grauner geht jetzt alles furchtbar schnell: Im Juli 1950 werden die ersten Häuser gesprengt. Viele Familien nehmen nur das Nötigste mit, was zurückgelassen wird, wird zerstört. Am Sonntag, den 23. Juli 1950 soll die Dorfkirche gesprengt werden, das ganze Dorf hat sich vor ihr versammelt. 100 Bohrlöcher mit Sprengladungen wurden im Gebäude angebracht – doch nach der Zündung steht die Kirche immer noch. Vielleicht, so vermutet Pfarrer Alfred Rieper, „wolle Gott nicht, dass die Kirche an einem Sonntag gesprengt wird.“ In den folgenden Tagen wird die Kirche Stück für Stück gesprengt – nur der Glockenturm bleibt stehen. Das Denkmalamt hatte interveniert: Mindestens 650 Jahre alt müsse der Turm sein, eine Sprengung komme nicht in Frage. Heute ist der Kirchturm, der aus dem Wasser ragt, das Einzige, was von Graun noch übrig ist.

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